Nicht vorhersehbar!

BörsenbärAlles schien so klar im Frühjahr. Die Zinsen bei Null oder nur knapp darüber selbst bei langfristigen Staatsanleihen. Und zu allem Überfluss kauft die Europäische Zentralbank (EZB) auch noch im Volumen von monatlich 60 Milliarden Euro diese unattraktiven Anleihen auf. Was lag da näher als die große Anlegerflucht in Aktien und mit weiter steigenden Kursen zu rechnen. Schließlich brachten diese immer noch eine Dividendenrendite von drei Prozent. Dazu kam eine sich erholende Wirtschaft in der Eurozone, sicher unterstützt durch den sinkenden Ölpreis und den starken Dollar, der die Exportbedingungen verbessert, aber auch weil die Peripherieländer der Eurozone auf ihrem Reformweg vorangekommen sind.

Nicht nur die rasante Rallye, auch die Tatsache, dass in dieser Phase das schon schwelende Griechenland-Problem und der Ukraine-Konflikt es nicht vermochten, die Anleger zu verunsichern, legten nahe, dass es sicher mal Korrekturen geben werde, die Kurse ansonsten aber weiter steigen würden. Denn wie sagte schon Börsenlegende André Kostolany: „Wenn ein Markt auf schlechte Nachrichten nicht reagiert, dann ist er überverkauft, sprich: hat wenig Abwärtspotenzial. Und nun plötzlich dieser Absturz. Bis auf die Tiefs im Griechen-Drama konnte man alles noch als Korrektur und Konsolidierung betrachten. Aber dass es nochmals auf nur noch gut 9.300 Punkte fallen würde, damit hat niemand gerechnet.

Haben alle die Probleme der chinesischen Wirtschaft übersehen und unterschätzt, welchen globalen Einfluss dieses Thema hat? Ach wo! Auch die schwächelnde China-Wirtschaft war schon Thema im Frühjahr. Das unerfahrene Publikum mag dies glauben. Tatsächlich aber hat der Kurssturz rein technische Gründe. Er führt einmal mehr vor Augen, dass sich das Anlegerverhalten über die Jahre und durch den Einsatz von Computern geändert hat. Die überwiegende Anzahl der Investoren, egal ob private oder institutionelle arbeiten mit Verlustbegrenzungen. Werden gewisse Schwellen nach unten durchbrochen, löst dies automatische Liquidationen aus. Diese Verkäufe drücken den Markt dann weiter, bis die Aufträge abgearbeitet sind. Haben die Besitzer der Aktien in der Zwischenzeit gewechselt, und viele neue sind dazu gekommen mit entsprechend hohen Einstiegskursen und spekulativer ausgerichtet, wird der Markt plötzlich anfällig.

Mit den Stimmungsindikatoren kann man versuchen, diesen Anlegerwechsel zu messen. Oft gelingt dies ganz gut, doch der jüngste Sturz war in seinem Ausmaß nicht kalkulierbar. Und ich kenne auch niemanden, der Indikatoren hat, die ausloten können, wie weit es in einem solchen Stopp-Loss-Verkauf nach unten geht. Dass eine Korrektur überfällig war, das hatte man im Frühjahr greifen können, die Stimmungsindikatoren zeigten aber gerade vor dem finalen Absturz eigentlich schon ziemlich viel Skepsis. Zugegeben, Kaufniveaus waren es noch nicht, doch die hatten wir seit langem nicht gesehen und dennoch waren die Kurse schon nach leichter Korrektur weiter gestiegen. Jetzt allerdings sieht es dafür wieder richtig konstruktiv aus. Viele Indikatoren an der Wall Street bewegen sich im Bereich von Kaufsignalen. Kurzfristige Börsenbriefe wie auch die Anlageberater in den USA zeigen hohen Pessimismus.

Mehr dazu in meinem Webinar “Fundamental – Liquiditätsabhängig – Stimmungstechnisch” am Donnerstag um 14 Uhr.

Die Lehre ist einfach. Man muss mit solchen Abstürzen immer wieder rechnen. Je länger und ungebrochener ein Aufwärtstrend läuft, desto wahrscheinlicher werden sie. Doch wann sie kommen, ist nicht prognostizierbar. Wer nicht mit Hebel arbeitet sollte auf Stopp-Loss-Aufträge besser verzichten und sich starke Nerven antrainieren und aussitzen, solange die fundamentale Seite stimmt.

  • Christian Störzer

    DOCH VORHERSEHBAR!

    Als der DAX an seinem Jahreshoch bei 12400 Punkten notierte und alle Welt am Jubeln war und meinte, es könne nur noch weiter hoch gehen, weil ja Aktien wegen der Nullzinspolitik der EZB “alternativlos” geworden seien, sagte ein kluger Börsianer am 21. April dieses Jahres:

    “Mich würde es nicht wundern, wenn wir nochmal DAX-Notierungen sehen, die vierstellig sind.”

    Recht hatte der Mann! Wer das war, verrate ich nicht, sage aber, wo man es rauskriegen kann:

    http://www.n-tv.de/mediathek/videos/wirtschaft/Das-Gelddrucken-geht-weiter-article14945006.html

    • Stefan Riße

      Ja, Sie sagen es. Doch es unter öffentlicher Beobachtung umzusetzen, das ist mir nicht gelungen. Ich äußere mich dazu auch nochmal im Factsheet.

  • PSRF

    In der Form war der Absturz ganz sicher nicht vorhersehbar.
    Ganz davon abgesehen, dass Sie selbst vom “Damoklesschwert WS” sprachen gab es Indikatoren, die vielleicht doch Warnungen waren.
    Der Anstieg der Wallstreet bezog sich auf immer weniger Aktien. Man ging in dieser Phase seitwärts. OK hinterher ist man immer schlauer.
    Darum geht es mir nicht.
    Andre Kostolany hatte meine ich die Anzahl der Aktienkäufe als wichtig eingestuft, wie z.B. hoher Abverkauf/Ausverkauf und nachlassende Dynamik bei Käufen usw..
    Diese wichtigen Faktoren vermisse ich bei Ihren Betrachtungen weitgehend.
    Was ist der Grund dafür, oder habe ich es übersehen?

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