Die rationale Börse

DAX_AllzeithochDie Finanzmärkte reagierten zuletzt äußerst besonnen und rational auf Ereignisse, von denen viele Marktkommentatoren erwartet hatten, dass sie für Bewegung nach unten sorgen würden.
Zum einen ist da die Ukraine-Krise. Nach der Annexion der Krim, war dies für die Börse ein „Fait Accompli“, also eine vollendete Tatsache, wie auch die Sanktionen gegen Russland, die überschaubar ausfielen. Mit dem Wiederaufflammen des Konfliktes in den östlichen Provinzen der Ukraine war aber klar, dass die Töne und das Klima zwischen der westlichen Staatengemeinschaft und Russland sich weiter verschärfen würden. Dennoch wurden kurzzeitige Kursverluste anschließend von umso größeren Gewinnen abgelöst, obwohl man einer Klärung des Konfliktes nicht einen Zentimeter näher gekommen war. Mit hoher Wahrscheinlichkeit mussten zu diesem Zeitpunkt diejenigen ihre Short-Engagements zurückkaufen, die beim Wiederausbruch der Krise auf einen fallenden Markt gesetzt hatten.
Warum kam es nicht zu größeren Kursverlusten? Den Investoren war schnell klar, dass niemand im Westen ein Interesse an einem militärischen Eingreifen haben würde, weil uns dieses mit der Atommacht Russland sehr schnell an den Rand eines dritten Weltkrieges bringen würde. Das Krim-Beispiel wurde so zum gelernten Prinzip. Ein wenig Zittern, und dann laufen die Kurse wieder nach oben.
Nach der Europa-Wahl war es nicht anders. Es war klar, dass die Europa-Gegner deutlich zulegen würden. Diese Tatsache konnte schon vor der Wahl den Aktienmarkt nicht aus dem Tritt bringen, nach der Wahl als „Fait Accompli“ schon gar nicht. Wahlbörsen haben kurze Beine heißt es nicht umsonst, wobei das starke Abschneiden des „Front National“ in Frankreich schon eine negative Überraschung war. Doch dies stürzt Frankreichs Eliten womöglich in eine Krise, Europa jedoch nicht. Denn mögen die Europagegner auch stark geworden sein, ausrichten können sie am Ende doch nichts. Die bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien bilden nach wie vor die mit Abstand größten Fraktionen und sind damit Garanten dafür, dass Europa und die Eurozone auf ihrem aktuellen Kurs bleiben.
Wie ist diese sehr besonnene und rationale Reaktion der Finanzmärkte zu bewerten? Sind die Börsianer nun plötzlich rationaler und weniger emotional unterwegs? Sicher nicht. Die Börse und ihre Teilnehmer funktionieren seit mehr als 400 Jahren gleich. In einer anderen, überhitzen Marktphase wären beide Ereignisse – Ukraine-Krise und Rechtsdrift in Europa – für sich allein für einen erheblichen Kurssturz gut gewesen. Doch der Markt ist eben nicht überhitzt. Das zeigen nicht alle, doch viele der Stimmungsindikatoren, wie der der US-Privatanleger AAII, das Blogger-Sentiment Ticker Sense, das deutsche Put/Call-Ratio und die aktuellen Diskussionen.

Ticker Sense

PutCall-Ratio Deutschland

In den USA wird seit Wochen darüber diskutiert, wann nun der nächste Crash kommt. Allein aus diesem Grund steht dieser wohl nicht bevor. Dass der Ausbruch nach oben erfolgen würde, war durch die fortwährend schlechte Stimmung in den vergangenen Wochen immer wahrscheinlicher geworden. Die Frage lautet, wie weit dieser führt. Ist es nur einer der Short-Squeezes, der bald endet, oder gibt es neue langfristig agierende Anleger, die immer noch investieren, weil die Alternativen fehlen. Die Antwort fällt schwer, doch ich investiere nicht mehr auf diesem Niveau. Mag es auch noch ein gutes Stück nach oben gehen, das Chance/Risiko-Verhältnis wird zunehmen schlechter. Und fast drei Jahrzehnte Börsenerfahrung haben mich gelehrt, dass es immer wieder Chancen gibt, tiefer einzusteigen.

  • PSRF

    In Ihrem Interview am 03.06. auf n-tv haben Sie es sehr gut umrissen:

    10-jährige Bundesanleihe ca. 1,3%,
    Dividendenrendite Dax ca. 3%.

    Das spricht grundsätzlich für Aktien.

    Eine der Größen für die Kursentwicklung ist der Faktor Geld. Die zunehmenden IPOs könnten dem Markt Geld entziehen, auch M&A
    (zumindest fehlt es m.E. für Aktienrückkäufe) oder falls die Wirtschaft z.B. in US tatsächlich anspringen würde auch die
    Realwirtschaft.

    Was mir bei der Kursentwicklung der Aktien der letzten 5
    Jahre ein wenig gefehlt hat war die Umsatzkomponente der Aktienkäufe.

    Es gibt wohl so Einige, die nicht im Markt sind und auch
    bis heute nicht oder immer weniger bereit sind zu den inzwischen hohen Kursen einzusteigen. Das Chance-Risiko Verhältnis ist wohl tatsächlich der Grund.

    Es wird spannend, ob es demnächst doch mal wieder „echte Opportunities“ geben wird. Die in letzter Zeit herausgegeben Warnungen der EZB und FED lassen irgendwie aufhorchen… Allerdings, es fällt mir schwer, sie richtig einzuordnen.

Rißes Blog TV

 

Live Erleben & Buchen

  • Zur Zeit keine Termine vorhanden
 
   
 

Kategorien

 
 

Archiv