Fait Accompli zweiter Versuch?

Liebe Blog-Leser,
wegen meines gerade in der Zeichnungsphase befindlichen Investmentfonds „Riße Inflation Opportunities UI“ führe ich derzeit sehr viele Investorengespräche.komme ich leider nicht in der Häufigkeit dazu, wie ich es möchte, hier zu kommentieren. Ich bitte um Entschuldigung! Dennoch aber jetzt ein paar Worte zur aktuellen Situation:

Die französische Präsidentschaftswahl und die erste Parlamentswahl in Griechenland Anfang Mai sorgten entgegen meiner Prognose ja nur für eine kurzzeitige Entspannung im Sinne des „Fait Accompli“ – der vollendeten Tatsache, die an der Börse gemeinhin niemanden mehr interessiert. Das Motto war sehr schnell: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Es fragt sich daher, wie die Märkte nun mit dem Wahlergebnis der französischen und griechischen Parlamentswahlen am vor uns liegenden Wochenende umgehen werden. Weitere Wahlen stehen nun nicht mehr an, doch bedeutet das automatisch, dass die Börsen sich nun wieder erholen werden? Fraglos ist die Wahl in Griechenland wichtiger als die französische und würde ein Wahlausgang, der auf einen Euro-Austritt der Hellenen hindeutet, kurzfristig sicher noch für Unruhe sorgen. Doch Sie kennen meine Einstellung: Am Ende hängt die weitere Tendenz davon ab – wie Altmeister André Kostolany es sagte – ob es mehr Dummköpfe gibt, als Papiere, oder mehr Papiere als Dummköpfe – und damit letztendlich von der Stimmung. Sie verrät uns, sofern wir sie richtig deuten, den Investitionsgrad der Anleger.
Derzeit ist die Deutung nicht einfach. Auf der einen Seite haben wir längerfristige Investoren, die insgesamt sehr vorsichtig sind und auf relativ viel Cash sitzen dürften. Das bestätigt auch der jüngste Fund Manger Survey von Bank of America Merrill Lynch. Die dort befragten institutionellen Investoren haben die Cash-Quoten stark erhöht. Auf der anderen Seite gibt es nach meinem Empfinden aber auch eine Menge eher kurzfristig agierender Akteure, die auf eine baldige Erholung hoffen. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die leichte Bodenbildung und Erholung in den vergangenen zwei Wochen schon wieder zu einer Verbesserung der Stimmung geführt hat. Beispielsweise ist der Hulbert Stock Newsletter Sentiment Index (HSNSI) von – 27,9 Prozent für Standardaktien auf zwischenzeitlich nur noch – 0,1 Prozent und bei Technologiewerten von – 47,1 Prozent auf nur noch – 23,5 Prozent gestiegen. Bei Consensus sah das Bild ähnlich aus. Von nur noch 47 Prozent Bullen ist der Wert jüngst wieder auf 56 Prozent gestiegen. Das sind natürlich alles sehr verhaltene Werte, harte Kaufsignale sind es jedoch auch nicht und der schnelle Stimmungsumschwung deutet auf noch zu viel Hoffnung kurzfristiger Player hin. Ohnehin kommt diese Korrektur nicht aus Europa, wie die Kommentare uns glauben machen wollen. Mögen die Nachrichten auch aus Europa kommen, in den USA war die Stimmung und damit die Überinvestition zu groß. Das haben vor allem die US-Börsenbriefe signalisiert, die auch immer noch zu wenig Abkühlung zeigen, wobei es hier zuletzt jedoch zumindest zu einer weiteren Eintrübung gekommen ist. Der wahrscheinlichste Verlauf der Kurse dürfte daher eine eher noch längere Fortsetzung der Seitwärtsbewegung sein, wobei eine Aufwärtsreaktion nach den Griechenlandwahlen auf jeden Fall möglich ist. Gewisse Angst dürfte schon bestehen, was auch der HSNSI signalisiert, denn gestern fiel die Stimmung wieder auf – 8,5 Prozent für Standardwerte und – 35,3 Prozent für Technologiewerte, trotz steigender Kurse an der Wall Street. Aus deutscher Sicht kommt auch noch der große Verfallstag heute mit ins Spiel. Oft neigt der Markt am Montag danach zur Schwäche, es war aber manchmal auch schon umgekehrt.
Ich weiß, klarere Prognosen wären schöner, aber die lassen sich eben nur bei eindeutigen Konstellationen stellen, und die haben wir derzeit nicht.Ganz ohne Aktien würde ich mich allerdings unwohl fühlen, denn an meinem Optimismus für dieses Jahr ändere ich nichts.

  • Herbert

     
    Hallo Herr Riße,
     
    habe jetzt erst Ihr Interview gesehen.
    Ich erinnere mich leider nur ungefähr, aber ich meine Andre Kostolany hat einmal ein Referat der Bundesbank untersucht und festgestellt 41 Mal das Wort Inflation und kein einziges Mal das Wort Wachstum.
    Heute würde er bestimmt jemand finden mit im übertragenem Sinn:  41 mal Sparen aber kein einziges Mal Wachstum (Ok vielleicht durch ganz viel Sparen).
    Ich sehe es ähnlich wie Sie es im Interview gesagt haben, wir brauchen eine Strukturpolitik, die Wachstumsorientiert ist, eine „Bilanzverkürzung“ bei der Geldmenge darf bei hohem Schuldenstand nicht vorgenommen werden.  Das Wirtschaftswachstum muss vereinfacht gesagt über der Schuldentilgung liegen.
    Habe ich Sie im Interview richtig verstanden, Deutschland hatte zwei Inflationen? Ich hatte das letztens schon mal als Überschrift in einem Artikel einer Zeitung gesehen. Das halte ich für falsch!
    Die Deutschen haben nach zwei verlorenen Weltkriegen zweimal ihr Geld verloren, das stimmt leider.
    Aber:
    Nach Weltkrieg eins mit Inflation
    Nach Weltkrieg zwei: mit Schuldenschnitt bzw. Währungsschnitt. Das ist nicht mit den hohen sich ins Gedächtnis fressenden Zahlen verbunden, deshalb sehe ich Inflation in Deutschland als „verbrannt“ an.
    Wenn, dann werden es immer Schulden- oder Währungsschnitte sein, hier können auch soziale Komponenten eingearbeitet werden.
    Aber im Moment sehe ich eher das Japanszenario.

    • Stefan Riße

       Es stimmt, die Inflation nach dem zweiten Weltkrieg war eine verdeckte Inflation.

      • Herbert

        wie “verbrannt” die Inflation ist zeigen auch die Beispiele der jüngeren Geschichte:

        Die DDR hatte nach meinem Empfinden auch mehr Geld als Ware. Durch die staatliche Preisfestlegeung gab es im Prinzip ein Null-Inflation.
        Das Geld wurde über Sonderländen oder auch über “unter der hand Geschäfte” in den Wirtschaftskreislauf gebracht.Verdeckt gab es auch Preiserhöhungen über neue Produkte z.B..

        Im Rahmen der Einheit gab es einen Währungsschnitt DDR-Mark > DM  2:1 und pro Person einen betimmten Freibetrag 1:1.

        Das ist alles sehr vereinfacht dargestellt, mir geht es nur darum, wie mit ganzer Kraft eine Inflation vermieden werden soll. Die ist einfach nicht “gesellschaftsfähig”.

        Bei Währungs/Schuldenschnitten ist das Geld auch weg, aber kein Mensch kann mit Billionenbeträgen ganze Generationen verunsichern.
        So sehe ich das jedenfalls.

  • Stefan Riße

     Das ist nicht uninteressant. Es stützt aber meine Einschätzung dahingehend, dass eine reine quantitative und isolierte Betrachtung eines Stimmungsindiklators nicht den Erfolg bringen kann. Es ist ein Gesamtbild, das am Ende passen muss.

  • Das Trojanische Pferd

    Da ja nahezu alle Finanzakteure Szenarien für einen Euroaustritt Griechenlands vorbereitet haben, wird dieses Ereignis wohl eher nicht kommen. Zuviel wollen durch die gleiche Tür. Wozu auch. Wenn den Zentralbanken und den Regierungen in Europa es gelingt, japanische Verhältnisse zu schaffen, d. h. fast 0-Zinsen, könnte die Neuverschuldung in den den kommenden Jahren sich locker verdreifachen ohne das der Kapitaldienst zu Problemen führt. Dies dürfte wohl die Strategie der Oberen Elite sein. Es geht alles so weiter, bis selbst bei manipulierten 0-Zinsen dann irgendwann auch das Limit der Verschuldung gedeckelt ist. Na und. Man hat Zeit gewonnen und wird dann schon die Trickkiste öffnen. Für die Kapitalmärke sehe ich schwarz. Nur noch für Trader geeignet. Wenn man sich die Entwicklung in Japan anschaut, dann kommt der Nikkei von 39000 Pkt auf jetzt rd. 8500 Pkt. Ich kann mich noch daran erinnern, daß Ende der 80´er Jahre in Tokio Straßenzüge so teuer waren, wie in Europa und den USA ganze Bundesländer. Und wenn man sich Japan als Vorbild anschaut. Was ist passiert ? Die Immobilienmärkte und Aktienmärkte sind zwar gedrittelt, die Wettbewerbsfähigkeit Japans, von den wir hier in Deutschland in den 70´er Jahren förmlich gezittert haben, wurde in vielen Geschäftsbereichen verdrängt. Aber oberflächig geht es den Japanern trotz einer Staatsverschuldung von 200 % des BIP noch gut.Das Volk wurde also erfolgreich ruhig gestellt und die Eliten konnten so weiter machen, wie sie es wollen. Um darum geht es doch.

    • Stefan Riße

       Zwei Einwände: Die KGVs lagen in Japan damals bei 80 und das japanische Volk ist viel duldsammer. Dennoch wird die Zukunft zeigen, ob wir das inflationäre oder doch das deflationäre Japan-Szenario am Ende erhalten.

      • Herbert

        bei der Einschätzung des Japan Szenarios schwanke ich immer etwas. Gegenwärtig sieht es so aus, als würde Frau Merkel unglaublich erfolgreich den Rest der Welt von ihrer Politik überzeugen können. Sie bleibt unbeirrbar und hat den Erfolg der dt. Wirtschaft als Argument.
        Aktuell somit 95% für Japan Szenario.
        Bleibt nur die Frage wer die Schulden bezahlen wird, ich tippe auf Steuer und Abgabenerhöhungen, div. Einsparungen bei Ausgaben. Die Fed wird sich m.E. auch zurückhaltender zeigen als allgemein vermutet.
        Zeit für eine kleine Korrektur? 

  • Ramon Schreiber

    Ich bin sehr gespannt, was die kommende Woche bringen wird. Auf Stimmungsindikatoren achte ich selbst überhaupt nicht, da ich eh nicht kurzfristig investiere. Ich kaufe seit Jahren jeden Monat und halte die Positionen ewig. 
    Was mir aber auffällt zum Thema Stimmung: Ich kann mich nicht erinnern, dass in den 20 Jahre, in denen ich die Börse beobachte, so viele hoch anerkannte Volkswirte so negativ gestimmt waren. In den letzten Tagen kann man ja überall nur noch Weltuntergangsszenarien in der Presse lesen. 

    Letzte Woche hatte ich Kostolanys Börsenseminar in der Hand. Auflage von 1986. Es ist spannend, dass in dem Buch Fragen beantwortet werden, die heute unglaublich aktuell sind. 

    Aber zurück zum Thema. Kurz gesagt: Ich glaube nicht an den Weltuntergang. Und wenn alle ihn prognostizieren, dann werde ich Optimist.

    • Markus

       Hallo, dem kann ich nur zustimmen. Mann meint ja grad nach der Griechenlandwahl geht die Welt unter. Bin eigentlich sehr flexibel und war dieses Jahr mal Short und auch mal Long. Bei zu viel Optimismus habe ich mich im März Short plaziert und vor 2 Wochen habe ich diese entsorgt und auf Long gesetzt. Auch wenn wir noch ein paar Hundert Punkte verlieren sollten was ja immer möglich ist, denke ich, das wir gerade ein Phase durchmachen, die eine super Chance für die Bullen bedeutet.

  • Stefan kusche

    Hallo Herr Risse,

    Ich glaube, dass Sie mit ihrer Mittelfristigen Prognose Recht behalten und das Jahr 2012 unterm Strich ein gutes Aktienjahr wird !
    Wenngleich es zur Jahresmitte hin auch erst mal Turbulenzen geben könnte…
    Sollte die Wahl in Griechenland positiv ausgehen, könnte m. M. nach beim Euro auch ein gewaltiger Short-squeeze drohn, keine Ahnung bis wohin der uns führen kann…

    Mit freundlichen Grüßen
    Stefan Kusche

    PS: Ich habe auch schon einige Fachbezogene Beiträge geleistet! Und würde gern auf die White list! =-)

    • Stefan Riße

      Ja, das sollten sie natürlich auch, und zwar als einer der ersten. Aber irgendwie klappt das mit einigen Kandidten trotz mehrfachen anklickens nicht. Muß da nochmals nachhaken.

  • Gnurpel

    Für eine Erholung in den USA sprechen die Beobachtungen dieses Markbeobachters, der den Rückgang dieses Frühlings recht gut vorhergesagt hat, wenn auch mit einer etwas esoterisch anmutenden Begründung:
    http://www.mcoscillator.com/learning_center/weekly_chart/eurodollar_cot_indication_calls_for_big_stock_market_top_now/
    http://www.mcoscillator.com/learning_center/weekly_chart/rising_star_program_shows_washout_bottom/

    • Stefan Riße

       Exrem wertvoller beitrag. Besten Dank. Habe mich noch gestern mit Dr. Jens Ehrhardt über diesen dienst unterhakten und werde ihn zukünftig noch aufmerksamer beobachten.

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